Nachruf Prof. Erwin Reiter (1933 – 2015)

Strömungsplastik von Erwin Reiter an der Straße nach Kollerschlag an der österreichisch-bayerischen Grenze (Foto aufgenommen am 28. Dezember 2015, dem Begräbnistag von Erwin Reiter)

Strömungsplastik von Erwin Reiter an der Straße nach Kollerschlag an der österreichisch-bayerischen Grenze (Foto vom 28. Dezember 2015, dem Begräbnistag von Erwin Reiter)

Am 19. Dezember 2015 ist der bedeutende Julbacher Künstler Prof. Erwin Reiter (geb. 25. September 1933) verstorben. Gemeinsam mit seiner Frau Edda Seidl-Reiter hat er viel gemeinsam für seinen Heimatort Julbach geschaffen und gestaltet. Seine künstlerische Strahlkraft geht jedoch weit über Julbach, das „Meran des Mühlviertels“, hinaus.

Erwin Reiter fühlte sich in seiner Kreativität weltweit vernetzt als „ein überzeugter Europäer“ und „ein echter Weltbürger“: So nannte ihn der Abt des Prämonstratenserstiftes Schlägl, Martin Felhofer OPraem, in der Einleitung zu seiner Predigt beim Requiem für Erwin Reiter am 28. Dezember 2015 in der St. Anna Kirche von Julbach.

Den folgenden zentralen Inhalt seines geistlichen Nachrufes hat der Abt unserem Magazin meinglaube.at zur Verfügung gestellt.

 

Begräbnisansprache von Abt Martin Felhofer OPraem, Stift Schlägl O.Ö.
für  Prof. Erwin Reiter am 28. Dezember 2015 in der Pfarrkirche Julbach

[…] Ich habe große Hochachtung für den Künstler und Menschen Erwin Reiter, dessen Strahlkraft weit hinaus geht über das Mühlviertel, Oberösterreich, Österreich, in die ganze Welt. Erwin war nicht nur ein überzeugter Europäer, sondern ein echter Weltbürger. Als Prämonstratenser-Abt bin ich mit vielen Klöstern auf der Welt verbunden. Ich weiß, wie wichtig die Vernetzung unter Völkern und Menschen ist.

[…] Ich darf das geistliche Wort und die Botschaft des Glaubens verkünden;  auch in Stellvertretung von H. Pfarrer Gregor Meisinger – denn Julbach ist seit 1963 eine Schlägler Pfarre. Die Verbindung zum Stift war Erwin sehr wichtig. Gerne besuchte er Konzerte und Festgottesdienste in der Stiftskirche.
Ich möchte Ihnen drei Gedanken mitgeben:

  1. An den Anfang stelle ich deshalb ein Wort unseres Stiftskapellmeisters Rupert Frieberger: „Die Kirchenmusik umgibt die heiligen Riten nicht nur mit großer Feierlichkeit. Sie darf auch an-regen, auf-regen und heil-machen.“ Das gilt wohl nicht nur von der Kirchenmusik, sondern vor allem auch von Dichtung, Malerei und Bildhauerei. Kunst darf auf-regen aus der Gleichgültigkeit und Banalität, sie soll herausholen aus der Enge und oft auch intolerantem Denken und Verhalten. Kunst regt an und gibt Denkanstöße: deshalb muss sie immer auch an-stößig sein. Sie wird aber auch beitragen, dass suchende Menschen etwas entdecken, das letztlich heil macht! Die „Welle“ und die „Strömung“ von Erwin Reiter regt an: er hat mit seinen Wellen versucht, den Fluss des Lebens künstlerisch zum Ausdruck zu bringen. Dabei hat er die fließende Bewegung des Elements Wasser mit Hilfe des Elements Feuer in Metall gegossen. Gerade Wasser und Feuer haben für uns Christen eine ganz elementare religiöse Symbolkraft: Im Wasser wurden wir getauft – ein Symbol des Lebens mit der Zusage: „Du bist geliebt, du bist Sohn und Tochter Gottes“. In der Firmung werden wir im Zeichen des Feuers mit Geist erfüllt, be-geistert: Das Feuer ist ein uraltes Symbol der Reinigung durch den Geist. Geist und Leben hat Erwin Reiter in Einklang zu bringen versucht. Durch seine künstlerische Kreativität hat er wahrscheinlich auch seine innerste Glaubensüberzeugung bekundet. Was mit Worten oft nicht deutlich genug gesagt werden kann, das vermag die Kunst mit ihrer vielfältigen Gestaltungskraft. Wenn ich an seinen Anna-Preis denke, der heuer zum 19. Mal vergeben wurde, dann hatte gerade dieser Preis für Julbach eine anregende, friedenstiftende und heil-machende Wirkung. Denn er zeigt auf Menschen, die für die Region und vor allem für das Zusammenwachsen der Nachbarländer Österreich-Bayern-Tschechien Bedeutung haben. Er möchte Grenzen überwinden hier in Julbach und darüber hinaus, er stellt das Miteinander in den Vordergrund: dafür steht ja schon seit 1785 in Julbach die Mutter Anna.
  2. Ich habe als Evangelium Johannes den Täufer gewählt: Erwin Reiter war wohl auch so eine adventliche Johannes-Figur: Johannes hat provoziert: d. h. wörtlich übersetzt „Heraus-rufen, heraus-fordern“ Die Menschen sollen herausgefordert werden zur Besinnung, sie  sollen herausgeholt werden aus Selbstzufriedenheit und Bequemlichkeit. Und Johannes hat es getan im Wissen um die Vorläufigkeit: Das Endgültige oder der Endgültige kommt erst.
    Der Künstler Erwin Reiter hat gewusst: Ich darf herausfordern – er hat aber auch sich selbst herausgefordert: Acht Stunden am Tag hat er gearbeitet: „Kunst ist Arbeit, wie das Bestellen eines Feldes“. Oder „Nichts fällt vom Himmel – ich muss mich selber bemühen“. So wird er zum Gestalter zunächst als Geigenbauer, als Herrgottsschnitzer, in der Holzfachschule in Hallstatt auch Mitgestalter des Altars von Pühret (Pfarre Rannariedl) im Jahr 1953. In Wien wurde er besonders gefördert vom bedeutenden Kunstförderer Msgr. Otto Mauer. Schließlich fand sein Gestalten Entwicklung und Vollendung auf der Kunst-UNI in Linz. Er war ein einfühlsamer und väterlicher Lehrer. Er verstand es aber auch, hier in Julbach Menschen und besonders Kinder zu begeistern, indem er einen Zyklus mit Kinderrechten gestaltete, wo Kinder in einem Wettbewerb mit ihm zusammen in der eigenen Werkstatt zusammenarbeiteten. Erwin war im Sinne des Johannes ein Wegbereiter und als Künstler auch ein stiller Rufer in der Wüste.
  3. In einer adventlichen Lesung am 1. Adventsonntag sagt uns Jesaja (Kapitel 64): „Wir sind der Ton, und du bist unser Töpfer, wir alle sind das Werk deiner Hände.“ Die Hl. Schrift wurde jeden Tag zu seinem „Lebensmittel“. Die Verinnerlichung des Wortes Gottes führt dazu, zu glauben: Gott hat mit jedem von uns etwas vor, er möchte unserem Leben eine Form, eine Gestalt geben: – Durch Worte der Hl. Schrift, die mich treffen und berühren. – Durch das Beispiel Jesu, der gezeigt hat, wie man Mensch sein kann. – Gott will uns prägen durch Menschen, denen ich begegne und durch Situationen, die mich herausfordern. – Gott möchte uns auch immer wieder verändern: „Wir sind der Ton und du bist unser Töpfer!“
    Wir sind als Menschen so geschaffen und geformt, dass wir von Gottes Güte etwas in uns aufnehmen und wieder an andere weiterschenken dürfen. Wir sind zum Empfangen und Schenken geschaffen. Freilich sind wir zerbrechlich, bruchstückhaft und unsere Zeit ist begrenzt.
    Weil wir Gott unseren Schöpfer nennen, glauben wir, dass er auch die Bruchstücke unseres Lebens annimmt und einmal zur Vollendung führt.
Die Metall-Strömung von Erwin Reiter an der Straße nach Kollerschlag im Oberen Mühlviertel hat im letzten Quartal des Jahres 2015 eine ganz aktuelle Deutung erfahren: Hier zogen 10.000de Menschen im Flüchtlingsstrom vorbei an die nahe Grenze zur Bundesrepublik Deutschland. Die Reiter-Plastik symbolisiert einerseits die vom Flüchtlingstsunami hinweggespülten Hilfesuchenden. Andererseits erinnert sie aber auch an die vielen gutherzigen Helferinnen und Helfer, die versuchen, den Menschenstrom humanitär zu formen – wie der Künstler, der die fließende Bewegung in Metallform bändigt.

Die Metall-Strömung von Erwin Reiter an der Straße nach Kollerschlag im Oberen Mühlviertel hat im letzten Quartal des Jahres 2015 eine ganz aktuelle Deutung erfahren: Hier zogen 10.000de Menschen im Flüchtlingsstrom vorbei an die nahe Grenze zur Bundesrepublik Deutschland. Die Reiter-Plastik symbolisiert einerseits die vom Flüchtlingstsunami hinweggespülten Hilfesuchenden. Andererseits erinnert sie aber auch an die vielen gutherzigen Helferinnen und Helfer, die versuchen, den Menschenstrom humanitär zu formen – wie der Künstler, der die fließende Bewegung in Metallform bändigt.

So wollen wir nun mit dem Abschied von Prof. Erwin Reiter das Bild der Welle und der Strömung gut in uns ein-bilden: Denn es lässt uns etwas erahnen vom Fluss des Lebens, vom Wasser des Lebens und vom Feuer des Hl. Geistes. Wenn wir dadurch auch Christus in uns ein-bilden, dann wird er auch unser Herz nach seinem Herzen bilden. Karl Rahner hat es so ausgedruckt: „Es ist mehr mit uns anzufangen, als wir ahnen. Wenn Christus in uns ‚eingebildet‘ ist, bilden wir uns nie zu viel ein. Wir sind mehr als wir ahnen können.“

Wir brauchen für unser Leben gute Leitbilder. Wenn Jesus Christus unser Leitbild ist, dann wird uns vor allem im „Jahr der Barmherzigkeit“ das Bild eines barmherzigen Gottes berühren und wandeln. Am 19. Dezember, am Tag vor dem 4. Adventsonntag, hat Erwin sein Leben dem Schöpfer zurückgegeben. Mit Selbstbestimmung hat er gekämpft bis zum Schluss. Drei Tage hat er im Krankenhaus der Familie geschenkt zum Abschied – nehmen.

Liebe Schwestern und Brüder! Es wird aufregend sein, wenn wir im Tod dem kreativen Gott der Liebe begegnen: Da wird uns vielleicht aufgehen, wie sehr wir hinter dem zurückgeblieben sind, was möglich gewesen wäre. Es wird aber auch aufregend sein, weil wir erfahren dürfen, wie sehr Gott die Liebe ist. Aber dieser Gott wird uns auch ganz heil-machen. Das sind der Trost und die Kraft des Glaubens. Gott schenke dir, lieber Erwin Reiter, Frieden und das Leben in Fülle.

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