Impuls der Hoffnung im syrischen Flüchtlingselend

Der Patriarch von Damaskus, Seine Heiligkeit Moran Mor Ignatius Aphrem II., und Erzbischof Dr. Franz Lackner OFM, beim gemeinsamen Friedensgebet für Verfolgte und Flüchtlinge im Dom zu Salzburg am 19. Oktober 2015.

Der Patriarch von Damaskus, Seine Heiligkeit Moran Mor Ignatius Aphrem II., und Erzbischof Dr. Franz Lackner OFM, beim gemeinsamen Friedensgebet für Verfolgte und Flüchtlinge im Dom zu Salzburg am 19. Oktober 2015.

Inmitten der Trostlosigkeit des syrischen Flüchtlingselends ist kürzlich in Salzburg ein bedeutendes Zeichen der Hoffnung gesetzt worden, an welchem auch der Timelkamer Historiker und Theologe Johann Großruck mitwirken durfte: Die Eröffnung eines weltweit einzigartigen Universitätslehrgangs unter dem Titel „Master of Arts in Syriac Theology“ an der Theologischen Fakultät. (20. Oktober 2015). Zu diesem Anlass ist der aramäische Patriarch von Damaskus, Seine Heiligkeit Moran Mor Ignatius Aphrem II., nach Salzburg gekommen und hat am Vorabend der akademischen Feier gemeinsam mit Erzbischof Dr. Franz Lackner OFM im Dom ein ergreifendes „Friedensgebet für Verfolgte und Flüchtlinge“ geleitet. Aus ganz Europa sind aramäische Diasporachristen zu dieser Andacht angereist und haben in ihrer Muttersprache, die auch Jesus Christus gesprochen hat, das „Abun dbaschmayo“, das aramäische „Vater unser im Himmel“, gesungen. Im Anschluss an die Andacht segnete der Patriarch das syrische Kolleg „Beth Suryoye“ im historischen „Leprosenheim“, welches dank dem Entgegenkommen des Erzbistums Salzburg eine geistliche Heimstätte für die Studierenden aus aller Welt sein soll.

Schon lange bevor der Krieg in Syrien den aktuellen Flüchtlings-Tsunami ausgelöst hat, dem Europa wie hypnotisiert und erschreckend unsolidarisch gegenüber steht, ist an der theologischen Fakultät der Salzburger Universität unter Federführung des derzeitigen Dekans Univ.-Prof. Dietmar Winkler die Erkenntnis gereift, dass die sich abzeichnende humanitäre Katastrophe auch die urchristliche Tradition des Nahe Ostens auslöschen könnte. Insbesondere die von der Ausrottung bedrohte altsyrische aramäische Kultur, Religion und Sprache sollte erhalten werden. In dieser Intention hat Johann Großruck vor Jahren mit einer aramäischen Delegation unter der Leitung des kurze Zeit später von Islamisten gekidnappten und bis heute vermissten Metropoliten von Aleppo, Mor Gregorios Youhanna Ibrahim, beim damaligen Wissenschaftsminister Univ.-Prof Karlheinz Töchterle vorgesprochen. Dieser hat daraufhin die Förderung des Salzburger Projektes staatstragend in Gang gesetzt.

Begegnung mit Patriarch Ignatius Aphrem II. in Salzburg (v.l.n.r.: Johann Großruck, Univ.-Prof. Aho Shemunkasho, Patriarch, emerit. Präsident der OSCE-Parlamentarier Wolfgang Großruck).

Begegnung mit Patriarch Ignatius Aphrem II. in Salzburg (v.l.n.r.: Johann Großruck, Univ.-Prof. Aho Shemunkasho, Patriarch, emerit. Präsident der OSCE-Parlamentarier Wolfgang Großruck).

Großruck erinnert sich: „Mein Bruder Wolfgang, emeritierter Präsident der OSZE-Parlamentarier und damaliger Menschenrechtssprecher, hat das Projekt im Parlament zur Sprache gebracht und auch das Gespräch mit Töchterle in die Wege geleitet. Ich selber argumentierte eher aus dem Bauch heraus: Weltweit werden berechtigter Weise Unsummen dafür ausgegeben, wenn es gilt, bedrohte Tiergattungen zu retten. Um wie viel selbstverständlicher sollte es sein, öffentliche Gelder dafür zu verwenden, den altorientalischen Christen ihre gefährdete sprachliche, kulturelle und religiöse Identität bewahren zu helfen und ihnen auf diese Weise eine Zukunftsperspektive zu bieten. Bei aller Freude über den gelungenen Start des Projektes bin ich zutiefst betroffen, wie rasch die damalige Initialzündung durch den syrischen Massenexodus zur brandaktuellen Herausforderung geworden ist. Die gegenwärtige Emigration derart vieler syrischer Flüchtlinge erfordert jetzt und in naher Zukunft intensive Integrationsbemühungen in der gesamten Europäischen Union, für welche das Salzburger Studienprojekt eine zukunftsweisende interreligiöse und interkulturelle Brückenfunktion darstellen wird.“

Beim akademischen Festakt in der Universitätsaula hat Univ.-Prof. Aho Shemunkasho, selber ein ehemaliges Flüchtlingskind aus dem Tur Abdin im südostanatolischen Kerngebiet des aramäischen Urchristentums und Motor des Salzburger Projekts, die Antrittsvorlesung gehalten. Dabei hat er darauf verwiesen, dass bereits um die Mitte des 16. Jahrhunderts in Wien mit kaiserlicher Förderung die weltweit erste aramäische Bibel in Druck erschienen ist. Wie schon bei der Abendandacht haben bei diesem Festakt Patriarch und Erzbischof sowie alle offiziellen Festredner die weltweite Bedeutung dieses Masterstudiums als „Impuls der Hoffnung“ für die altorientalischen Christen hervorgehoben.

In der Umayyaden-Moschee von Damaskus, der ehemaligen Johannes-Basilika wird auch von den Muslimen bis heute der Schrein mit dem Haupt des hl. Johannes des Täufers, also eines durchaus christlichen Heiligen verehrt.

In der Umayyaden-Moschee von Damaskus, der ehemaligen Johannes-Basilika wird auch von den Muslimen bis heute der Schrein mit dem Haupt des hl. Johannes des Täufers, also eines durchaus christlichen Heiligen verehrt.

Dass es aber beim Bemühen um den Erhalt des altorientalischen christlichen Erbes nicht nur um die Christen im Nahen Osten geht, zeigen tragischer denn je die erschütternden Terroranschläge in Paris. Gerade die Christen im unmittelbaren Operationsgebiet des selbsternannten IS-Terrorkalifats haben nun eine nahezu 2000jährige Tradition des Dialogs mit diversen religiösen Strömungen. Seit dem Auftreten eines gewissen Abū l-Qāsim Muhammad ibn Abd Allāh ibn Abd al-Muttalib ibn Hāschim ibn Abd Manāf al-Quraschī – kurz Mohammed – im 7. nachchristlichen Jahrhundert mussten sich die altorientalischen Christen insbesondere auch mit dessen wachsender Anhängerschaft bis heute arrangieren. Aus leidvoller Erfahrung wissen sie, worauf es beim gegenseitigen Verständnis der Religionen ankommt: nicht auf menschenverachtende Mechanismen zur Durchsetzung pseudoreligiöser Extremismen, sondern auf den praktizierten Glauben an die Barmherzigkeit Gottes, der Christen wie Muslimen gemeinsam ist. Das weltweit einzigartige Salzburger Projekt zum Erhalt der aramäischen Religion, Sprache und Kultur sollte auch in dieser Hinsicht eine wichtige Signalwirkung zeitigen.

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